Der Sommer in Chemnitz wird spannend. Am 20. Juni 2020 eröffnen wir das erste internationale Public Art Projekt der Stadt. Eingeladen sind mehr als 20 renommierte Künstler:innen und Kollektive, sich mit Chemnitz, der Geschichte und Stadtgesellschaft auseinanderzusetzen und künstlerische Positionen für den Stadtraum zu entwickeln. Die Ausstellung wird kuratiert von Florian Matzner und Sarah Sigmund, veranstaltet von den Kunstsammlungen Chemnitz mit Generaldirektor Frédéric Bußmann.

Der Titel GEGENWARTEN | PRESENCES zielt auf die Gleichzeitigkeit vieler Positionen hin. „Jeder hat seine eigene Zeitlichkeit“, erklärt Sarah Siegmund. Nicht nur in Chemnitz 2018, sondern überall in Europa und weltweit lässt sich gerade erkennen, dass nebeneinander ganz verschiedene Meinungen, Wahrnehmungen von Gegenwart und Lebensentwürfe existieren. So gäbe es viele Gegenwarten, welche zudem von gesellschaftlichen Spaltungen geprägt sind, Gegenwarten, die in privaten Räumen wie der Familie oder dem Freundeskreis, aber vor allen Dingen auch im öffentlichen Raum verhandelt werden. Und damit setzt sich das Ausstellungsprojekt nun bis September 2020 auseinander.

Öffentliche Räume, so Frédéric Bußmann, seien Konfliktfelder. Es bringe Städte immer voran, wenn sich Künstler:innen mit den Orten auseinandersetzen und anregen, über Geschichte, Gegenwart und Zukunft nachzudenken. Gerade in Chemnitz – wo sich die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts so deutlich ins Stadtbild eingeschrieben hätten wie nirgends sonst.

Die Kunst hat die Fähigkeit, versteckte Qualitäten einer Stadt zu entdecken, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, diese synergetisch zu verknüpfen und damit sowohl vergessene als auch neue Identitäten und Geschichten zu erzählen. Ganz besonders ist die Kunst darüber hinaus in der Lage, diese sichtbar und erlebbar zu machen und den Menschen einer Stadt alternative Gegenwarten aufzuzeigen.

So will GEGENWARTEN | PRESENCES von Chemnitz nach Europa und in die Welt schauen. Aus der Gegenwart soll mit und durch das Projekt in die Vergangenheit und in die Zukunft von Chemnitz geblickt werden. Geschichten, die bisher wenig Aufmerksamkeit erhalten haben, werden sichtbar gemacht. Von der Gründung der DDR bis hin zur „Wende“ als sozialem, politischem und ökonomischem Einschnitt, erfuhren der Stadtkern und die umliegenden Bezirke immer wieder tiefgreifende bauliche und damit sozio-ökonomische Veränderungen. Aus diesem Grund wird der Ausstellungsrundgang im Sommer 2020 die Innenstadt und die angrenzenden Viertel umfassen.

Kulturbürgermeister Ralph Burghart betonte: „Bei diesem Projekt auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2025 kommt die Kunst zu den Menschen. Sie werden unterwegs zur Arbeit, zur Schule, beim Stadtbummel – also im Alltag überrascht und in eine künstlerische Auseinandersetzung verwickelt.“ Vor allem die Frage, wie internationale Künstler die Stadt reflektieren, sei spannend, weil damit neue Aspekte in den Austausch zur Zukunft von Chemnitz einfließen.

So wurden die Künstler:innen und Kollektive eingeladen, mit ihren Interventionen und Skulpturen, mit ihren Installationen und Performances ortsspezifische Arbeiten für Chemnitz zu entwickeln. Die Themen werden direkt aus der Stadt und ihren Kontexten generiert und in ihnen artikuliert, debattiert und transformiert. Dabei werden die Themenfelder Ökonomien und Ökologien, Räume und Transformationen, Bewegungen und Migrationen, Demokratien und Regressionen als auch Arbeitswelten und Lebensräume eine wichtige Rolle spielen. Die Künstler*innen haben im Sommer 2019 die Stadt Chemnitz im Rahmen eines mehrtägigen Workshops besucht und daraufhin ihre Projektideen entwickelt.

Das Projekt, das bis 20. September 2020 läuft, wird gefördert durch die Bundeskulturstiftung.

Fotos: Gruppenbild – Wolfgang Schmidt | Projekte – privat

beteiligte Künstler*innen und Kollektive

  1. atelier le balto (Véronique Facheur, Marc Pouzol, Marc Vatinel), gegründet 2001 in Le Havre (F) und Berlin
  2. Nadja Buttendorf, *1984 in Dresden, lebt in Berlin
  3. Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova, Zusammenarbeit seit 2000, leben in Prag (CZ) und Vyhne (SK)
  4. Else Gabriel, *1962 in Halberstadt, lebt in Berlin
  5. Shilpa Gupta, *1976 in Mumbai, lebt in Mumbai (IND)
  6. Patricia Kaersenhout, *1966, lebt in Amsterdam (NL)
  7. Klub Solitaer e. V. (Mandy Knospe und Robert Verch), gegründet 2011 in Chemnitz
  8. Mischa Kuball, *1959 in Düsseldorf, lebt in Düsseldorf
  9. Philip Metz, *1971 in Heidelberg, lebt in Berlin
  10. Henrike Naumann, *1984 in Zwickau, lebt in Berlin
  11. Olaf Nicolai, *1962 in Halle/Saale, lebt in Berlin
  12. Observatorium (Gert van de Kamp, André Dekker, Lieven Poutsma, Ruud Reutelingsperger), gegründet 1998 in Rotterdam (NL)
  13. Ooze Architects und Marjetica Potrc: Ooze (Sylvain Hartenberg und Eva Pfannes), gegründet 2003 in Paris (F) und Rotterdam (NL); Potrc: *1953 in Ljubljana, lebt in Ljubljana (SLO)
  14. Lydia Ourahmane, *1992, lebt in Algiers (DZ) und London (GB)
  15. Peng! Collective, gegründet 2013 in Berlin
  16. Roman Signer, *1938 in Appenzell (CH), lebt in St. Gallen (CH)
  17. Hito Steyerl, *1966 in München, lebt in Berlin
  18. Weltecho (Frank Maibier), gegründet 2007 in Chemnitz (Ufer e. V. und Oscar e. V.), vormals Voxxx (1992–2007)
  19. Anna Witt, *1982 in Wasserburg, lebt in Wien (A)
  20. Tobias Zielony, *1973 in Wuppertal, lebt in Berlin
  21. Zona Dynamic (Sandy Becker und Eliza Goldox), gegründet 2013 in Berlin
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